Inklusion in Neuseeland: 28 Jahre Chancengleichheit

Ein Beitrag von Madeleine Hermanns

Schaf in Neuseeland
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Lehrer_innen werden?

 

Mein Name ist Madeleine und ich habe die erste Praxisphase meines Lehramtsstudiums (Sozialwissenschaft und Anglistik, GymGe) an der Murrays Bay Intermediate School in Auckland, Neuseeland, verbracht. Im Schulalltag habe ich schnell bemerkt, dass es in den einzelnen Klassen, wenn auch eher vereinzelt, Kinder mit sonderpädagogischen oder anderen Förderbedarfen gibt. Egal ob körperliche Behinderung, Lernschwierigkeiten oder Schülerinnen und Schülern aus dem internationalen Umfeld, häufig mit Englisch als Zweit- oder Fremdsprache– alle Schüler_innen sind gleichermaßen in den Schulalltag eingebunden. Inklusion auf ganzer Linie hat seit fast 30 Jahren Tradition in Neuseeland. Jede Schule Neuseelands ist dazu angehalten, einer Schülerin oder einem Schüler mit speziellen Bedürfnissen dieselben Chancen wie allen anderen Kindern einzuräumen. In der Praxis bedeutet das: Schulen in Neuseeland arbeiten seit nahezu drei Jahrzehnten fast 100 Prozent inklusiv. Spezialschulen existieren zwar weiterhin neben den regulären Schulen, doch haben hier in erster Linie Eltern von körperlich und mental behinderten Kindern das Wahlrecht, ob sie diese auf eine inklusive- oder Regelschule schicken.

Die Murrays Bay Intermediate School (kurz: MBIS) ist eine der größten Sekundarschulen Neuseelands für Kinder im Alter zwischen 10 und 13 Jahren. In einem Interview betont Shannon Robinson, die Interimsschulleiterin, mir gegenüber, dass Schülerinnen und Schüler ohne Förderbedarfe auf diesem Wege besonders Kompetenzen wie Einfühlsamkeit und Hilfsbereitschaft entwickeln. Das Motto lautet: “people who have special education needs (whether because of disability or otherwise) have the same rights to enrol and receive education at state schools as people who do not”. (Quelle: Bildungsministerium Neuseeland)

Finanziert werden die Schulen über einen “Ongoing Reviewable Ressourcing Scheme (ORS)” und beispielsweise eine „Special Interest Group (SIG)“, die dafür Sorge tragen, dass die MBIS voll inklusiv arbeiten kann. Die Arbeit der MBIS gibt einerseits Schüler_innen mit Förderbedarf die Möglichkeit, sich bestmöglich zu sozialisieren und dieselben Bildungschancen zu erhalten. Andererseits, so Shannon, entwickeln sich die Klassengemeinschaften zu einem Ganzen mit viel Zugehörigkeitsgefühl und einem besonders hohen Level von Empathie. (Quellen ORS & SIG

Doch damit nicht genug: Seit 14 Jahren zeigt sich auch die Internationalisierung im Lehrerzimmer, denn viele internationale Studierende bzw. Praktikant_innen aus der ganzen Welt melden sich jährlich für einen Erfahrungsaustausch an der MBIS an. In diesem Jahr sind es mindestens ein Dutzend Lehramtsanwärter_innen: Deutschland, Schweden, USA (besonders aus der Partnerschaft mit der University of Indiana), Dänemark, Japan, plus rund 20 weitere von der Universität Macau sind hierbei vertreten. Dabei profitieren laut Shannon Robinson vor allem die Schüler_innen von den internationalen Gästen, indem sie viel über verschiedene Kulturen erfahren und so bestmöglich auf eine globalisierte Welt vorbereitet werden. Ein weiterer interessanter Aspekt: Durch die internationalen Gäste können die Schüler_innen auch viel darüber lernen, wie Bildung in den jeweiligen Heimatländern funktioniert und vom eigenen System variiert.

Inklusion wird auch außerhalb der Schule gelebt. In Neuseeland ist es an der Tagesordnung, dass verschiedene Lehrer_innen Prakitkant_innen bei sich zu Hause – und damit in ihre Familien – aufnehmen. Auch ich habe bei zwei Lehrer_innen gelebt: Marcel, der ebenfalls an der MBIS arbeitet und Annette, welche an einer Grundschule im Stadtzentrum als Lehrerin arbeitet. Sie hat einen sehr ähnlichen beruflichen Hintergrund wie ich, denn wir beide sind Lehrerinnen im „zweiten Leben“, nach einer Karriere im Marketing. Allerdings hatte sie in Neuseeland einen entscheidenden Vorteil: Wer bereits über einen abgeschlossenen Bachelor verfügt, benötigt einen einjährigen fachspezifischen Master, um als Lehrer_in tätig werden zu können. Es war eine wundervolle Erfahrung, denn neben privaten Gesprächsthemen, konnten wir uns auch häufig über Schulerfahrungen austauschen. Annette und Marcel standen mir als Ansprechpartner jederzeit zur Seite und haben sich nie gescheut, mir ihr Auto für Wochenendreisen zu leihen – kurzum: ich habe mich als Freundin dieser Familie gefühlt. Dieser Erfahrungsaustausch hat mein Leben, auch mit Blick auf meinen späteren Schulalltag, durch und durch bereichert.

(Das Interview mit Shannon Robinson wurde am, 25.09.2017 an der Murrays Bay Intermediate School geführt)

Ein Beitrag von Madeleine Hermanns.

 

Bildnachweis: pixabay (Abruf am 17.11.2017)

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