Die Digitalisierung der Lehrerbildung steckt noch in den Kinderschuhen

Ein Beitrag von Thomas Walden

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Lehrer_innen bilden

 

Die Digitalisierung der Lehrerbildung steckt noch in den Kinderschuhen

 

„Enter Next Level Learning“ war der Untertitel der Diggi17, der Tagung des Zentrums für Lehrerbildung (ZfL) in Köln, die ich Ende September 2017 besuchen durfte. Mit dieser Tagung wollte das ZfL der Universität Köln ein Zeichen für eine stärkere Digitalisierung in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern setzen. Ob das Lernen durch die Digitalisierung tatsächlich auf eine höhere Ebene gehoben werden kann, wie es der Untertitel der Tagung verspricht, muss an anderer Stelle diskutiert werden.

Die Tagung adressierte Lehrer_innen, Studierendende, Wissenschaftler_innen, aber auch Vertreter_innen aus Wirtschaft, Medien und Politik. Entsprechend dieser heterogenen Ausgangslage waren die Inhalte der Tagung konzipiert. Durch die Heterogenität der Adressatengruppe ließ sich sogleich ein erster Erkenntnisgewinn erzielen: die Digitalisierung der Lehrerbildung ist ein Thema, bei dem alle Beteiligten  Entwicklungspotenziale verzeichnen, zugleich aber auch große Gestaltungsräume vorfinden. Denn die Digitalisierung der Lehrer_innenbildung steckt noch mehr oder weniger in den Kinderschuhen. Das mag erschreckend anmuten angesichts der exponentiell wachsenden Rasanz mit der sich die Digitalisierung bereits in jede Faser unseres Alltags eingeschrieben hat.

Die Geschwindigkeit dieser anhaltenden Veränderung verdeutlichte Dr. Christian Bauckhage, Professor für Informatik an der Uni Bonn und Lead Scientist für maschinelles Lernen am Fraunhofer Institut, in seiner Auftaktkeynote zur Evolution künstlicher Intelligenz. Drei Aspekte, so Bauckhage, haben zu „dramatischen Fortschritten in der künstlichen Intelligenz“ geführt:

 

  • Big Data
  • Affordable HPC (High Performance Computing)
  • Deep Architecture

 

An verschiedenen Beispielen demonstrierte er die Dynamik dieser Entwicklung und kennzeichnete die damit verbundenen gesellschaftlichen Herausforderungen.

Dr. Jutta Rump,  Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Internationales Personalmanagement und Organisationsentwicklung, griff den Faden in ihrer Keynote quasi auf, indem sie den Megatrend Digitalisierung in eine Reihe mit weiteren aktuelle Megatrends einordnete, zum Beispiel der demographischen Entwicklung, der Polarisierung der Gesellschaft, Industrie 4.0 etc. Dabei verdeutlichte sie eindringlich inwieweit die Digitalisierung nicht allein eine technische, sondern vielmehr auch eine soziale Herausforderung ist.

Bei den weiteren Workshops und Vorträgen spielten Beispiele für den Einsatz digitaler Technologien in Schule und Lehrerbildung eine zentrale Rolle. Dr. Jürgen Handke, Professor für Anglistik am Instititut für Anglistik und Amerikanistik der Philipps-Universität Marburg zeigte mit welchem Aufwand und mit welchen Mitteln die Digitalisierung der Lehre in 6 Schritten erfolgen kann. Olaf Köster-Ehling, stellvertretender Vorstand der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft stellte das Projekt „Digitales Lernbüro“ vor, das gemeinsam mit dem Education Innovation Lab in der Evangelischen Schule Berlin durchgeführt wurde.

Neben solchen Workshops wurde aber auch immer wieder darauf hingewiesen, dass sich die Aufgaben der Hochschulen und ihrer Mitarbeiter_innen durch die Digitalisierung verändern und das auch in der Lehrerbildung. Die Digitalisierung macht weder vor den Institutionen noch vor ihren Curricula halt. Myrle Dziak-Mahler, Geschäftsführerin des Zentrums für Lehrerbildung an der Universität Köln wies explizit darauf hin, dass der permanente Wandel im Kontext der Digitalisierung der gesellschaftliche „Normalfall“ ist und Bildungsinstitutionen und ihre Angebote entsprechend partizipativer gestaltet werden müssen. Daher müssen sich die Rollen und das Selbstverständnis von Professor_innen an Universitäten und der Lehrenden in den Schulen grundsätzlich ändern, so Dziak-Mahler.

In der abschließenden Podiumsdiskussion wurde jedoch auch deutlich wie breit die Kluft zwischen Digitalisierung und (universitärer) Lehrerbildung tatsächlich ist. Diese Kluft wird besonders dann deutlich, wenn der mit der Digitalisierung einhergehende Zwang zum Wandel, auf universitäre Logik und universitäres Selbstverständnis trifft. Die Digitalisierung hat zwar längst Einzug in die Hochschullandschaft gehalten, aber sie hat bislang kaum einen institutionellen Ort in der Lehrerbildung und den entsprechenden Curricula gefunden.

Als die Podiumsdiskussion begann Unmut zu erzeugen, weil es ihr daran mangelte den Umgang mit dieser Herausforderung zu konkretisieren, führte Dr. Andre Bresges, Professor für Physikdidaktik an der Universität Köln, im Handstreich die Fäden der Diskussion zusammen. Er forderte, dass informatische Bildung in alle Fächer Einzug halten müsse. Bresges Idee, um dies kurzfristig zu realisieren ist der Weg über die zweite Antragsphase der Qualitätsoffensive Lehrerbildung. Hier könne die Umsetzung pilotiert wird. Später sollten die Erfahrungen dieser Pilotphase in die nächste Akkreditierung der Studiengänge Einzug halten. Die Idee erhielt breite Zustimmung im Saal und auch auf dem Podium. So wurde auf dem Podium aber auch abschließend konstatiert, dass man nicht auf diese Verankerung warten, sondern direkt mit der Umsetzung beginnen solle. Denn scheitern gehört zum Konzept.

So notwendig diese Idee der Verankerung informatischer Bildung in den Fächern erscheint, so unvollständig ist sie aber auch. Der informatischen Bildung droht als Querstruktur in den Fächern nämlich eine ähnlich randständige Position, wie der Medienpädagogik seit sie in den Curricula in Form einer Querstruktur implementiert wurde. Sofern gesellschaftliche Partizipation noch als Bildungsziel der Schule in demokratischen Gesellschaften gilt, dürfte informatische Bildung in Form einer Querstruktur kaum ausreichend sein, die Herausforderungen der Digitalisierung zu bewältigen. Denn im bestehenden Fächerkanon können die mit der Digitalisierung verbundenen Herausforderungen (Datensouveränität, Coding, Smart Design, Disruptive Thinking, Umgang mit AI/AR/VR, das 4 K Modell des Lernens usw.) nur punktuell relevant erfasst werden können.

 

Text und Bild: TW

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