Aus der Psychologie: Wenn Kinder zu wenig oder zu viel können

Ein Beitrag von Julia Gorges

Kind und Tafel
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Hinterm Tellerrand

Antons Eltern sind verzweifelt: Nach fast zwei Jahren Schule hat ihr Sohn immer noch Schwierigkeiten mit einfachen Rechenaufgaben: Ob zehn Äpfel mehr als sechs sind, kann Anton nicht auf Anhieb sagen – er muss nachzählen. Seine Eltern fragen sich, was los ist mit ihrem Kind? Haben sie etwas falsch gemacht? Wie können sie Anton helfen?

Was macht die pädagogisch-psychologische Beratungsstelle (PPB) an der Universität Bielefeld?

Antworten auf diese Fragen finden Antons Eltern an der Universität Bielefeld, genauer bei der dortigen Pädagogisch-Psychologischen Beratungsstelle (PPB). Die PPB bietet Eltern eine wissenschaftlich fundierte pädagogisch-psychologische Diagnostik zu Lern- und Leistungsstörungen, aber auch zu Hochbegabung. Tatsächlich ist der Wunsch nach einer Hochbegabungsidagnostik der häufigste Fall, erzählt Lena Sielemann von der PPB im Interview. Die Kinder sind meist in der Grundschule, seltener noch im Kindergarten und fallen auf: durch besonders gute oder schlechte Leistungen im Lesen, Schreiben, Rechnen, oder auch durch herausforderndes Verhalten, Lustlosigkeit, emotionale Ausraster.

Ziel der Beratung ist es, den Eltern (und Lehrkräften) einen Anhaltspunkt zu geben, warum ein Kind bestimmte Schwierigkeiten hat, und damit auch, wie es gefördert werden kann.

So würde in Antons Fall ein intensives Vorgespräch mit den Eltern erfolgen, in dem sich die Berater_innen ein Bild von ihm machen. Daran schließt meistens eine standardisierte Diagnostik an, um abzuklären, worin genau Antons Schwierigkeiten bestehen. Selten kommen Eltern bereits mit einer Diagnose von einer anderen Stelle. In solchen Fällen bleibt es dann meist bei einem Beratungsgespräch, denn eine Testung ist nichts, was unbegründet durchgeführt werden sollte.

Was ist das besondere an der PPB?

Anders als niedergelassene Psychiater_innen und Kinder- und Jugendpsychotherapeut_innen hat die PPB keinen offiziellen Versorgungsauftrag. Die Berater_innen können sich daher viel Zeit für den Einzelfall nehmen. Die Eltern erfahren, warum welche Diagnostik durchgeführt werden soll und was genau die Testergebnisse bedeuten. Viele Eltern wünschen sich eine Intelligenzdiagnostik, die in regulären Praxen nicht kostenfrei angeboten wird. In der PPB ist das möglich: Die Beratung ist kostenfrei; die Berater_innen unterliegen ebenso einer Schweigepflicht wie Schulpsycholog_innen in städtischen Einrichtungen. Die Kapazitäten reichen für die Bearbeitung von 30 bis 50 Fällen im Jahr, die jeweils über rund drei Wochen bearbeitet werden. Neben dem Verdacht auf Hochbegabung zählt die Lese-Rechtschreib-Störung zu den häufigsten Beratungsanfragen.

Die Berater_innen der PPB sind gleichzeitig wissenschaftliche Mitarbeiter_innen der Arbeitseinheit für pädagogische Psychologie unter Leitung von Frau Prof. Dr. Elke Wild. Dadurch sind die Berater_innen einerseits auf dem aktuellen wissenschaftlichen Stand und können andererseits ihre Erfahrungen aus der PPB auch in der Lehre einbringen. Regelmäßig werden Veranstaltungen zu Störungsbildern, zu pädagogisch-psychologischen Gutachten und zur pädagogisch-psychologischen Diagnostik sowie Intervention angeboten. Auch Lehramtsstudierende können so von der umfangreichen Praxiserfahrung der Berater_innen profitieren.

Gibt es immer eine Diagnose?

Nein, nicht immer. Vor allem im Bereich Hochbegabung ergibt der Test in nur ca. 10 Prozent der Fälle eine Diagnose. Frau Sielemann erklärt dazu: „Bei einem IQ-Test gilt ein Testwert von 130 als Untergrenze für Hochbegabung. Diese Fälle sind extrem selten.“ Auch wenn manche Eltern das vielleicht anders sehen, leben in Bielefeld also nicht außergewöhnlich viele hochbegabte Kinder.

Was passiert nach einer Diagnosestellung?

Nach einer Diagnosestellung wird ein ausführliches Gutachten angefertigt und mit den Eltern besprochen. Die PPB bietet selbst keine Förderung an. Die Berater_innen können den Eltern aber Tipps geben, an wen sie sich weiter wenden können und manchmal auch, was sie selbst machen können. In einigen Fällen ist sogar das Gutachten selbst ein Teil der Hilfe: Die Eltern haben nun schwarz auf weiß, was mit ihrem Kind los ist und können reagieren.

Doch auch wenn keine Diagnose gestellt wurde, verlassen die Eltern die PPB nicht mit leeren Händen. In den Beratungsgesprächen können viele Fragen geklärt und Hilfestellungen gegeben werden, um zukünftig besser mit schwierigen Situation klarzukommen. Dabei ist es egal, ob Kinder mehr oder weniger begabt sind – alle verdienen eine individuelle Förderung.

 

Zum Abschluss erzählt Frau Sielemann noch von besonders herausfordernden Momenten der Beratungsarbeit: „Ich wünsche mir manchmal, mehr tun zu können. Gerade bei emotional-sozialen Problemen sind unsere Möglichkeiten begrenzt. Dann verweisen wir häufig an andere Stellen, wie psychotherapeutische Angebote in der Region.“ Und was ist besonders schön? „Es ist immer wieder spannend, nach dem Erstgespräch mit den Eltern das Kind kennenzulernen. Manchmal bestätigt sich dann das Bild, das ich mir von dem Kind gemacht habe, manchmal ist das Kind auch ganz anders. Toll ist es, wenn Kinder, die zunächst ganz schüchtern sind, in der weiteren Arbeit aufblühen. Und wenn man der Familie dann helfen kann, die aktuelle, schwierige Situationen gezielt anzugehen, dann ist die Arbeit sehr befriedigend.“

 

Ein Beitrag von Julia Gorges.

 

Bildnachweis: pixabay, Zugriff am 19.1.2018

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