Bundeslandwechsel = Fachwechsel? Ein Erfahrungsbericht

Ein Beitrag von Jan Christoph Störtländer

Über den Tellerrand in ein anderes Bundesland
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Hinterm Tellerrand

Elena hat ihr erstes und zweites Staatsexamen in Deutsch und Philosopie in Nordrhein-Westfalen absolviert. Danach erfolgte der Wechsel nach Niedersachsen.

PortaBle: Elena, Du hast hier in Bielefeld studiert, Deine beiden Staatsexamina in Deutsch und Philosophie absolviert und Deinen Berufseintritt schulformfremd gemeistert. Jetzt arbeitest Du als Studienrätin an eine Gymnasium in Niedersachsen. Was hat Dich zu diesem Bundeslandwechsel bewegt?

Elena: Ein Freund hat mir die Stelle zugetragen. Die Stelle in Niedersachsen war vakant und in NRW habe ich trotz vieler Vorstellungsgespräche keinen Zuschlag erhalten. Ich musste mich, trotzt eines guten zweiten Staatsexamens, in NRW mit Vertretungsstellen über Wasser halten, die weder meinem Qualifikationsniveau entsprochen haben noch in der Aussicht auf Vertragsverlängerung eine Perspektive auf z.B. eine feste Stelle geboten haben.
Hinzukommt, dass das Auswahlverfahren feste Termine vorsieht, die man realistisch eigentlich nicht wahrnehmen kann. So hatte ich bei ca. 100 Bewerbungen ca. 30 Auswahlgespräche, die an drei Tagen in ganz NRW stattgefunden haben. So bin ich zum Teil an einem Tag von Detmold über Dortmund und Duisburg nach Aachen gereist, um mich vorzustellen. All das, während ich (schulformfremd) Klassenlehrerin an ein einer Bielefelder Realschule gewesen bin. Die administrative Abwicklung zwischen den beiden Bezirksregierungen bei meinem Wechsel sind allerdings sehr reibungslos verlaufen.

PortaBLe: Siehst Du in Deinen beiden Fächern Unterschiede in den beiden Bundesländern? Fangen wir mit Deutsch an.

Elena: In Deutsch? Eine bundesheinheitliche Anforderung besteht meines Erachtens nicht, es gibt auch keine länderübergreifende Normen, die sogenannte Kompetenzorientierung bietet höchsten eine vage Richtschnurr. Das Assessment, die Leistungsüberprüfung erscheint mir jedoch im Vergleich zu NRW wesentlich engmaschiger, so. z.B. in Form von Diktaten, die hier in der Unterstufe Usus sind (und noch bis vor Kurzem sogar bis zur neunten Klasse vollzogen wurden).  

PortaBLe: Und in Philosophie? In Niedersachsen unterrichtest Du ja Werte und Normen.

Elena: Im Fach Philosophie haben sich für mich tatsächlich substantielle Änderungen im Vergleich der beiden Lehrpläne gegeben. Während in NRW eine klare Bezugsdisziplin besteht - nämlich die akademische Philosophie, die als "Mutter der Wissenschaften" freilich mannigfaltige Ausdifferenzierungen erfahren hat, ist das Fach "Werte und Normen" aus verschiedenen Bezugsdisziplinen zusammengesetzt. Erstaunt hat mich der hohe und deutliche Anteil theologischer Bezüge. Ich verstehe Philosophie nicht als Alternative zu Religionsunterricht, dennoch scheint es mir wichtig, dass durch Philosophie eine eher universalistische Perspektive eingenommen werden kann, die der konfessionell gebundene Unterricht so explizit vorsieht. Letztendlich scheint mir diese Rahmung aber so flexibel zu sein, dass die einzelnen Fachgruppen an den Schulen eine für sie angemessene Umsetzung realisieren können.

PortaBLe: Wo siehst Du insgesamt für Deinen Professionalisierungsprozess gegenwärtig die dringendsten und perspektivisch die wichtigsten Anforderungen?

Elena: Das hängt natürlich stark davon ab, was man unter Professionalisierung versteht. Durch die Schulen, an denen ich bislang gearbeitet habe, ist mir einmal mehr deutlich geworden, dass es gewisse Widersprüchlichkeiten im LehrerInnenberuf gibt, die sich scheinbar nicht auflösen lassen werden. Darüberhinaus bin ich gerade damit befasst, mir einen flexiblen Materialfundus zu erarbeiten, der in allen Konstellationen einsetzbar ist, allerdings unter der Bedingung, dass dieser Fundus jedesmal adaptiert werden muss. Für den konkreten Unterricht stelle ich bei mir fest, dass sich ein fallbasiertes Wissen entwickelt, mit dem ich spontan auf dann nicht immer ganz so neue Situationen reagieren kann. Schließlich gibt es bildungspolitisch und gesellschaftlich forcierte Themen wie Inklusion, Deutsch als Zweitsprache und Digitalisierung, auf die das jeweilige Kollegium als Ganzes im Sinne der Schulentwicklung konstruktiv reagieren muss. Hier sind die Prozesse überaus komplex und werden unterschiedlich bearbeitet, das scheint mir allerdings nicht bundeslandspezifisch zu sein und ich als Mitglied eines Kollegiums muss immer wieder schauen, wo ich meine Kompetenzen einbringen kann und wo ich sie erweitern muss.

PortaBLe: Ganz herzlichen Dank Dir, wir hoffen, Dich auch in Zukunft als Gesprächspartnerin gewinnen zu können!

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