13 Jahre Nieselregen?

Ein Beitrag von Julia Gorges

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Aus dem Turm

Pädagogische und Entwicklungspsychologen trafen sich im September in Münster. Hier meine persönlichen Highlights der Fachgruppentagung.

 

13 Jahre Nieselregen – mit dieser plastischen Vorstellung fassen Vsevolod Scherrer und Franzis Preckel die vorläufigen Ergebnisse ihrer Metaanalyse längsschnittlicher Studien zur motivationalen Entwicklung im Schulalter zusammen. Nieselregen bedeutet: Die Motivation der Schüler_innen sinkt stetig, aber nur leicht. Das ist besser, als das bislang vorherrschende Bild eines dramatischen Absinkens der Motivation - insbesondere nach dem Wechsel in eine weiterführende Schule. Die Studie wurde jedoch von den Kolleg_innen im Plenum – darunter zahlreiche Autor_innen längsschnittlicher Studie zur Entwicklung von Motivation – kontrovers diskutiert. Ich bin gespannt auf den finalen Artikel.

Diese und andere Studien wurden auf der gemeinsamen Fachgruppentagung der Pädagogischen Psychologie und der Entwicklungspsychologie vorgestellt, die ich im September in der wunderschönen Universitätsstadt Münster besucht habe. Der Tagungsort hieß Fürstenberghaus, war jedoch weniger pompös als erwartet. Zusammen mit den Bielefelder Kolleg_innen der drei pädagogisch-psychologischen Arbeitseinheiten sowie der Entwicklungspsychologie traf ich bei der Tagung der beiden Fachgruppen auf Kolleginnen und Kollegen aus dem In- und Ausland. Pädagogische und Entwicklungspsychologen eint das Interesse an Fragen der Sozialisation und Erziehung, des Lernens und der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Eine Tagung wie die in Münster führt dann schnell zu einer stolzen Teilnehmerzahl von über 700 Personen.

Die Fachgruppe

Die Fachgruppe Pädagogische Psychologie gehört seit über 30 Jahren zur Deutschen Gesellschaft für Psychologie. Erst letztes Jahr wurde sie als eine von 16 Fachgruppen für weitere 10 Jahre verlängert. Mit über 600 Mitgliedern ist sie eine der größten Fachgruppen, was nicht zuletzt der wichtigen Rolle pädagogisch-psychologischer Inhalte in der Lehramtsausbildung geschuldet ist. Pädagogische Psycholog_innen beforschen und lehren über so vielfältige Themen wie Lehren und Lernen, Lernen mit Medien, die Rolle von Lehrkräften, Eltern und Peers für Motivation, Leistung und Wohlbefinden von Schüler_innen und Fragen der Wirksamkeit unseres Bildungssystems. Innerhalb der Fachgruppe diskutiert und berät die Kommission „Psychologie in den Lehramtsstudiengängen“ zu Fragen der Auswahl und Implementierung psychologischer Themen im Curriculum angehender Lehrkräfte. In fast allen Bundesländern sind Expert_innen zur Lehrer_innenbildung direkt ansprechbar.

Wenig verwunderlich kreisen bei der Fachgruppentagung in Münster zahlreiche Beiträge um Schule im Allgemeinen und Lehrer_innenbildung im Speziellen. So heißt gleich die erste von mir gewählte Arbeitsgruppe: „Lehrkraftmerkmale und Unterrichtsqualität: Bedingungen und Kontextfaktoren“, diskutiert vom Direktor des Deutschen Institutes für internationale pädagogische Forschung (DIPF), Eckhard Klieme. Viele einschlägige Forschungsinstitute der empirischen Bildungsforschung bearbeiten auch pädagogisch-psychologische Fragestellungen und sind bei den Fachgruppentagungen vertreten. Durch die Verankerung von psychologischen Ausbildungsinhalten in der Lehrer_innenbildung kommen gerade bei der Tagung der pädagogischen Psychologie viele Kolleg_innen von Hochschulstandorten zusammen, die auf das Anwendungsfeld Schule und/oder Lehrer_innenbildung spezialisiert sind. Dadurch sind die Themen der Tagung vielfältig, anwendungsorientiert und nicht selten auch interdisziplinär.

Inklusion wird immer mehr Thema

Das Thema Inklusion nimmt gefühlt auch in der pädagogischen Psychologie immer mehr Fahrt auf. In Münster habe ich diverse Forschungsreferate gehört und Poster gesehen, die sich mit der Erfassung zentraler Konstrukte wie Einstellungen zu Inklusion, mit der Förderung von Selbstwirksamkeit bei Lehrkräften und mit einem adaptiven Umgang mit Heterogenität und Förderbedarfen beschäftigten. Forschung und Lehre zur Inklusion sollten aber, so die einhellige Meinung der Besucher_innen einer von Bärbel Kracke und Stephan Dutke organisierten, moderierten Postergruppe zur Psychologie in den Lehramtsstudiengängen der Bundesländer, weiter ausgebaut werden. In Bielefeld ist dieser Ruf bereits angekommen: Mit der „Bielefelder Längsschnittstudie zum Lernen in inklusiven und exklusiven Förderrangements“ (BiLieF) wurden Entwicklungsverläufe von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf nachgezeichnet. Ab März 2018 startet dann – voraussichtlich – ein neues Großprojekt: Das „Bielefelder Fortbildungskonzept zur Kooperation in inklusiven Schulen“ (BiFoKi).

Persönliche Highlights

Einige sehr subjektive Highlights der von mir besuchten Sessions:

  • Einstellungen zu Inklusion zu erfassen ist nicht so einfach wie es scheint (Greve); wenn man sich jedoch für eine Skala entschieden hat, sind sie zumindest kurzfristig durch einen Text mit positiven versus negativen Formulierungen zu manipulieren (Dignath, Fink, Retzbach & Kunter).
  • Brinker, Riehemann und Jucks untersuchten die Nutzung von digitalen Medien unter Lehramtsstudierenden der Universität Münster. Sie berichten, dass sich Lehramtsstudierende mehr Einsatz digitaler Medien im Studium wünschen. Entgegen der Ergebnisse der letzten Bertelsmannstudie sind Lehramtsstudierende also doch keine Digitalmuffel!
  • Im DoProfiL Projekt (Dortmunder Profil für inklusionsorientierte Lehrer/-innenbildung), das Projekt der Qualitätsoffensive Lehrerbildung an der TU Dortmund, wird ein Wissenstest zu den Diversitätsaspekten Förderschwerpunkt Emotionale und soziale Entwicklung (ESE), Geschlecht und Hochbegabung entwickelt (Heyder & Steinmayr). Erste Ergebnisse weisen auf einen positiven Zusammenhang von Wissen über und positiver Einstellung zu Heterogenität bei Lehramtsstudierenden hin.
  • Lehrkräfte schätzen die Begabung von Schüler_innen mit höherem Fähigkeitsselbstkonzept höher ein – und andersrum (Kriegbaum, Steinmayr & Spinath). Also liebe Schüler_innen, fake it until you make it!
  • Selbstwirksamkeit von Lehrkräften ist klassenbezogen, ein allgemeines Maß spiegelt dabei die Selbstwirksamkeit bei einer – subjektiv – durchschnittlichen Klasse wieder (Praetorius, Daniels & Klassen).  
  • Aus unserem Biprofessional Projekt stellte Nadine Großmann (mit Stefan Fries und Matthias Wilde) erste Ergebnisse vor: Studierende, die an einer Intervention zur Autonomieförderung im Biologieunterricht teilnahmen, zeigen im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ein besseres Wissen über Maßnahmen zur Förderung von Autonomie, positivere Überzeugungen sowie die Intentionen, eine Autonomieförderung im Biologieunterricht umzusetzen.

Wen weitere Details interessieren, der/die findet hier den Abstractband zur Tagung.

Abseits der Wissenschaft: Die beleg’bar hat mich überzeugt, wärmstens zu empfehlen für ein schnelles aber gute Mittagessen.

Ich danke den Veranstalter_innen der Münsteraner Tagung für die tolle Organisation!

Ein Beitrag von Julia Gorges

 

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