Ohne Praxis über die Praxis? Vom Lehramtsstudium in die Wissenschaft

Ein Beitrag von Björn Stövesand

LehramtWissenschaft
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Aus dem Turm

"Und, wo hast du dein Referendariat gemacht?" Keine böse Frage und doch ließ sie mich kurz zögern. Ich stand inmitten von Bildungswissenschaftlern und Fachdidaktikern bei einem Nachwuchsworkshop und meine Antwort lautete: Gar nicht. Ich bin direkt vom Lehramtsstudium in die Wissenschaft gegangen.

Mein eigenes Zögern stimmte mich schon nachdenklich und dann setzte mein Gegenüber noch eins drauf: "Oh, und dann beschäftigst DU dich mit Lehrerbildung?". Was sollte ich nun sagen, auf diese offenkundige nachträgliche Disqualifizierung meiner beruflichen Qualifikation für die Arbeit in der wissenschaftlichen Lehrerbildung? Und was sollte ich antworten auf die nachfolgenden Vorwürfe, wonach ich zentrale Wissensbestände nicht hätte, angesichts meines Alters die nötige Lebenserfahrung vermissen ließe und ganz grundsätzlich und überhaupt sowieso nicht das Recht hätte, angehenden Lehrkräften zu erklären, wie sie lehren und lernen sollen.

Dieses Erlebnis hat zunächst dazu geführt, dass ich mir diese Fragen tatsächlich selbst gestellt habe. Kann ich überhaupt mit Lehrkräften arbeiten und über angehende Lehrkräfte forschen, obwohl mir selbst die Praxiserfahrung fehlt? Ist das nicht anmaßend und vielleicht sogar in letzter Konsequenz immer an der Realität vorbei? Viele Gespräche und einige Gedanken später komme ich zu dem Schluss: Das kommt darauf an.

Es kommt darauf an...

1)...welche Rolle wir der Universität in der Lehramtsausbildung zugestehen. Die wissenschaftliche Ausbildung angehender Lehrkräfte in Bildungswissenschaften und Fachdidaktiken folgt nicht der klassischen Ausbildungslogik, wie wir sie von anderen Berufen und vor allem Professionen mit eigenem Berufsstand kennen. Vielmehr entlässt das drei-phasige-Ausbildungsmodell mit Universität - Referendariat - Berufspraxis die Universität aus dem Anspruch, unmittelbar umsetzbare Handlungsrezepte zu vermitteln. Das wird oft beklagt und auch von Seiten der Studierenden mit Kritik überhäuft. Doch die Universität ist und bleibt eine wissenschaftliche Einrichtung, die im Kontext der Lehrer_innenbildung die Profession, die Schule und den Unterricht multidisziplinär erforscht und so dazu beiträgt, fundierte Entwicklungsprozesse anzuregen. Es kann dabei nicht darum gehen, Lehrkräften Rezeptwissen für erfolgreichen Unterricht an die Hand zu geben – nicht zuletzt deshalb, weil es sowas nicht geben kann. Vielmehr sollen Studierende das nötige Wissen erlangen, um mit der komplexen Unterrichtswirklichkeit umzugehen und in Form eines Theorie-Praxis-Bezugs situativ kompetent handeln zu können. Vor diesem Hintergrund ist es sogar ein förderlicher Faktor, als Lehrender nicht zu stark in Praxiskontexten verhaftet gewesen zu sein, um die distanzierte Perspektive auf Unterricht und Schule als wissenschaftlichem Gegenstand gewährleisten zu können.

2)...was man mit der eigenen Lehre tatsächlich bezweckt. Selbstverständlich fehlt jemandem, der die Praxiserfahrung nicht vorzuweisen hat, das konkrete Erfahrungswissen darüber, womit Lehrkräfte tagtäglich hantieren. Es geht in der akademischen Ausbildung jedoch um das Verstehen und Erklären von Prozessen und Lernwirkungen, Kompetenzfragen und Modellentwicklungen und damit um die Abstraktion von Einzelfällen aus der Praxis. Dabei muss die mangelnde Praxiserfahrung kein Nachteil sein, sondern offenbart eine andere, eher theoriegeleitete Außensicht auf die (Unterrichts-)Praxis, die eine Erfüllung der auch für die Lehre in der Lehramtsausbildung gültigen Forderung nach reflektierter Praxis sogar befördert. Das Einnehmen einer hoheitlichen Position, die sich in Kritik der schulischen Praxis erschöpft, führt hier nicht weit.

3)...wie stark wir die Praxis in der Lehramtsausbildung gewichten. Es steht außer Frage: Angehende Lehrkräfte gehen ihren Weg durch das Studium mit dem Ziel, später als Lehrer_in zu arbeiten. Dabei hat die Bildungspolitik beispielsweise mit der Einführung des obligatorischen Praxissemesters in den vergangenen Jahren auf die Kritik reagiert, die Praxis habe nicht genug Raum im Studium. Nichtsdestotrotz soll der eigentliche "Trainingsort" für das Unterrichten das Referendariat sein– so unglücklich die aktuelle Konzeption dieser Ausbildungsphase auch sein mag. Der Praxis wird gerne, analog zum Prinzip des "Learning by doing", ein gewisser Nimbus verliehen, der sie über die wissenschaftliche Ebene emporhebt. Demnach sei es zwar schön und gut, sich wissenschaftlich-distanziert mit Unterricht und Schule auseinander zu setzen. Das Unterrichten-Lernen würde damit aber bestenfalls nicht unterstützt, im schlimmsten Fall sogar behindert - häufig hört man die Anekdote zu Beginn des "Refs": "Und nun vergisst du erstmal wieder alles, was du in der Uni gelernt hast."

Wieder: Natürlich ist die Praxis ein maßgeblicher Faktor für die Ausbildung angehender Lehrkräfte. Allein die Praxis macht aber noch keine guten Lehrkräfte! Würde dies gelten, so wäre ein selbstreferenzielles System denkbar, in dem nur Lehrkräfte andere Lehrkräfte ausbilden. Ein Problem, wenn es um Innovation und Weiterentwicklung geht. Der Lehrberuf ist jedoch ein akademischer Beruf, weil dem unterrichtlichen Handeln Wissensbestände zugrunde liegen, die sich aus der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Schule und Unterricht speisen. Die Arbeit an diesen Wissensbeständen ist nie abgeschlossen und bringt immer neue Erkenntnisse hervor, wodurch auch der Lehrberuf ständiger Entwicklung und Wandlung unterliegt.

In Summe zeigt sich, dass es durchaus legitim ist, als Nicht-Lehrer_in in die Lehrer_innenbildung zu gehen. Die Frage wird mich aber immer wieder zum Nachdenken anregen. Der Austausch mit den Praktikern, also Lehrer_innen, ist aber wichtig: Nur in der (stets höflichen) Auseinandersetzung zwischen praktischen und theoretischen Perspektiven zeigen sich Entwicklungspotenziale und Synergien, die letztlich für unsere eigene universitäre Praxis, wie die der Lehrkräfte gelten.

 

Es bleibt also dabei:

Habe ich das "Ref" gemacht? - Nein.

Ist das ein Problem für meine wissenschaftliche Praxis? -Nach Jörg Bergmann wohl eher ein "unproblematisches Problem" (Bergmann 1981), also etwas zu dem ich mich verhalten, was aber kein Hindernis sein muss.

 

Ein Beitrag von Björn Stövesand

Bildnachweis: Pixabay.com (Zugriff 2.2.2018)

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